BELÄCHELTER MYTHOS, GEFÄHRLICHER WAHN
EIN PARTIZIPATIVES KUNSTFILMPROJEKT
BELÄCHELTER MYTHOS, GEFÄHRLICHER WAHN
EIN PARTIZIPATIVES KUNSTFILMPROJEKT
Stills © Lena Maria Held/Marcus Nebe
No crime is dismissed with a smile as often as the murders of alleged witches. Yet the witch hunts of the 16th and 17th centuries were rooted in sexism, antisemitism and age discrimination. In Bamberg and the surrounding area, so many were persecuted, tortured, and executed that up to a thousand people fell victim to the alleged witch hunt. As part of our participatory art film project at JUZ Bamberg, we remember those who were wrongfully convicted, name them, research their lives, and give them faces and voices.
Kein Verbrechen wird so oft mit einem Lächeln abgetan, wie die Morde an vermeintlichen Hexen. Dabei sind die Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert in ihrer Genese und ihrem Charakter durch Antisemitismus, Sexismus und Altersdiskriminierung bedingt. In Bamberg und Umgebung wurde so zahlreich verfolgt, gefoltert und hingerichtet, dass bis zu eintausend Menschen dem Wahn zum Opfer fielen. Im Rahmen unseres partizipativen Kunstfilmprojektes im JUZ Bamberg erinnern wir an die zu Unrecht Verurteilten, nennen sie beim Namen, forschen zu ihrem Leben und leihen ihnen Gesichter und Stimmen.
Design © Dina Eschenberg
Belächelter Mythos, gefährlicher Wahn, ein Kunstfilmprojekt zur Hexenverfolgung von und mit Lena Maria Held, Karina Liutaia, Dina Eschenberg & Marcus Nebe
Recherche und Regieworkshop: Lena Maria Held
Kostümworkshop: Karina Liutaia, Dina Eschenberg
Drehbuchworkshop: Marcus Nebe
Projektassistentin: Yaroslava Iakoleva
Mitwirkende Schauspiel/Drehbuch/Kostüm/Tanz: Anja Heidenreich, Bohdan Slipchenko, Claudia Raab, Doris Petersen, Julia Henfling, Julina Pletziger, Kerstin Elsner, Liia Sharipova, Marlene Kil, Sigrid Lohneis, Sophia Graf, Susanne Schreyer
Komposition: Curtis Bloxsidge
Trägerverein: kollektiv gut e.V.
Gefördert durch:
Die technische Umsetzung der Video-Installation realisierte Marcus Nebe mit der Hilfe von Franz Held und Jakob Nebe.
The participants in our art film project researched the cruel atrocities inflicted on people persecuted as witches, uncovering continuities that they share in the video installation. Together with Karina Liutaia and Dina Eschenberg, they created costumes for the shoot and developed film scenes together with Lena Maria Held and Marcus Nebe. They honored all the victims of persecution in the Bishopric of Bamberg by writing and embroidering their names on pieces of fabric.
A benevolent community is stronger than any hatred!
Thanks to Anja Heidenreich, Bohdan Slipchenko, Claudia Raab, Doris Petersen, Julia Henfling, Julina Pletziger, Kerstin Elsner, Liia Sharipova, Marlene Kil, Sigrid Lohneis, Sophia Graf, Susanne Schreyer und Yaroslava Iakoleva!
Die Teilnehmenden unseres Kunstfilmprojektes recherchierten zur grausamen Unmenschlichkeit, die den als Hexen verfolgten Menschen angetan wurde und decken dabei Kontinuitäten auf, die sie in ihren Opferpatenschaften teilen. Gemeinsam mit Karina Liutaia und Dina Eschenberg kreierten sie Kostüme für die Drehs und entwickelten zusammen mit Lena Maria Held und Marcus Nebe Filmszenen und sie würdigen alle überlieferten Opfer der Verfolgungen im Hochstift Bamberg, indem sie ihre Namen auf Stoffbahnen schrieben und stickten.
Eine wohlwollende Gemeinschaft ist stärker als jeder Hass!
Denn Jagd entsteht nicht aus dem Nichts. Und immer dann, wenn eine bestimmte Gruppe von Menschen in den Vordergrund gerückt und öffentlich beschimpft werden kann, ohne dafür ernsthafte Konsequenzen zu erfahren, sind wir alle gefragt, laut NEIN zu sagen. Es gibt sie nicht, die Hexen unter uns - auch nicht, wenn wir inzwischen andere Namen für sie gefunden haben.
Persecution does not arise out of nowhere. And whenever a certain group of people is singled out and publicly vilified without serious consequences, we must all speak up and say NO. There are no witches among us—even if we have found other names for them.
Excerpt from the trial of Barbara Schorr who was portrayed by Anja Heidenreich.
On the afternoon of March 18, 1628, a Saturday, sixty-year-old Barbara Schorr is interrogated for the first time in Zeil am Main. The commissioners confront her with suspects who, under torture, have confessed to seeing the old mayor's wife from Schmachtenberg at a witches' sabbath. Barbara, the widow of the late mayor Veit, denies the allegations and is imprisoned.
When she again denies being a witch three days later, on March 21, the commissioners begin the painful interrogation, which means that from now on they will use torture as a means of finding the truth. According to the law at the time, suspects could only be tortured three times, but in the exceptional case of witchcraft, the torture was not simply restarted, but interrupted and continued endlessly until the victim, broken by unspeakable pain, confessed whatever the commissioners wanted to hear or died as a result of the torture.
In the minutes of the trial against the widow Schorr, the town clerk documented torture techniques used and Barbara's own words:
I want to die as a devout Christian, but I know nothing!
On my oath and my soul.
You are doing me violence and injustice.
False prophets have brought me into this game.
Your witnesses have testified out of enmity against me.
You can hang and strangle me, and yet I know nothing.
Auszug aus der Opferpatenschaft von Anja Heidenreich, die ihre Stimme und ihr Gesicht Barbara Schorr leiht.
Am Nachmittag des 18. März 1628, einem Samstag, wird in Zeil am Main die sechzigjährige Barbara Schorr erstmals verhört.
Die Kommissare konfrontieren sie mit Verdächtigen, die unter Folter ausgesagt haben, sie hätten die alte Schultheißin vom Schmachtenberg beim Hexensabbat gesehen.
Barbara, die Witwe des verstorbenen Schultheißen Veit, leugnet und wird eingesperrt.
Als sie drei Tage später, am 21. März, erneut abstreitet, eine Drud, also eine Hexe zu sein, beginnen die Kommissare mit dem peinlichen Verhör,das bedeutet: sie nutzen fortan die Folter als Mittel der Wahrheitsfindung.
Nach damaligem Recht durften Verdächtige lediglich dreimal gefoltert werden, aber beim Ausnahmeverbrechen der Hexerei wurde die Folter einfach nicht neubegonnen, sondern endlos unterbrochen und fortgesetzt, bis das durch unsägliche Schmerzen gebrochene Opfer gestand, was auch immer die Kommissare hören wollten, oder, an den Folgen der Tortur starb.
Im Protokoll des Verfahrens gegen die Witwe Schorr dokumentierte der Stadtschreiber neben der angewandten Foltertechniken Barbaras eigene Worte:
Ich will gern sterben, als eine fromme Christin, aber ich weiß nichts!
Auf mein Eidt und meine Seel.
Ihr tut mir Gewalt und Unrecht an.
Falsche Propheten ham mich in dieses Spiel herein gebracht,
eure Zeugen aus Feindschaft gegen mich ausgesagt.
Ihr könnts mich erhängen und erwürgen, und doch weiß ich nichts.
Dank der von Alois Umlauf transkribierten Prozessprotokolle von Barbara, konnten wir das unnötige Leid der armen Frau erinnern.
Ausstellungsdokumentation © Robin Lambrecht